Griechenland will sich von großen Teilen seines Staatsbesitzes trennen. Der Zeitpunkt dafür ist denkbar ungünstig. Die Firmenwerte sind im Keller, das wirtschaftliche und politische Umfeld ist unsicher. Potenzielle Käufer brauchen einen Hang zum Zocken.

Hamburg – Auf einmal konnte es nicht schnell genug gehen. Eilig beschloss die griechische Regierung in dieser Woche, einen Großteil des staatlichen Besitzes zu verkaufen. “Ab sofort” gelte das Privatisierungsprogramm, unterstrich Hellas’ Führung die Dringlichkeit der Angelegenheit.

(Fast) alles muss raus: Die Wasserversorger von Athen und Thessaloniki, ebenso die Häfen in den beiden größten griechischen Städten, die verbleibenden Anteile an der Telekommunikationsgesellschaft OTE, der Athener Flughafen und vieles mehr – darunter die Beteiligung am börsennotierten Wettbüro Opap. Rund 50 Milliarden Euro soll das Paket dem Staat in die leere Kasse spülen und den drohenden Bankrott verhindern sowie dem Rest Europas das Gefühl geben, das Land stemme sich energisch gegen die Schuldenkrise.

Bisher hält sich das Interesse am feil gebotenen Schatz der Griechen jedoch stark in Grenzen. Industriekonzerne, Hafengesellschaften, Versorger winken reihenweise ab, wenn es um verstärktes Engagement in Griechenland geht und speziell um die Privatisierungen.

“Das haben wir überhaupt nicht auf dem Schirm”, heißt es bei einem international aktiven Logistikdienstleister, der wie viele andere lieber nicht öffentlich Stellung nehmen möchte. “Wir werden in Griechenland sicher nicht viel mehr machen als zur Zeit”, ist aus Kreisen eines Technologiekonzerns zu hören. Der Markt müsse erst wieder in Schwung kommen.

Sogar der Glücksspielaktien verlieren an Wert

Immerhin ringt sich der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport Börsen-Chart zeigen zu einem aufmunternden Statement durch: “Sollte Griechenland seine Flughäfen privatisieren, würden wir uns das natürlich anschauen”, sagte Vorstandschef Stefan Schulte dem “Handelsblatt”. Jedoch müsse man erst die genauen Konditionen kennen. Aussagen, deren Allerweltscharakter alle Interpretationsmöglichkeiten offen lässt.

Die weit verbreitete Verunsicherung ist nicht weiter verwunderlich. Den meisten nun dargebotenen Firmen ging es schon mal deutlich besser, die an den Börsen zu Grunde gelegten Firmenbewertungen lassen nicht eben auf Optimismus schließen.

Griechische Unternehmen enttäuschen Investoren

Der griechische Staat will große Teile seiner Besitztümer veräußern. Doch die Firmen erfreuen sich am Märkt schon länger keiner großen Beliebtheit. manager magazin zeigt die Kursentwicklung einiger Unternehmen, die der Staat loswerden will.

Wassergesellschaft von Thessaloniki sah ihre besten Zeiten vor gut drei Jahren, als der Aktienkurs bei 12 Euro lag. Heute beträgt er 4,90 Euro – Tendenz zuletzt immerhin leicht steigend. Auch die griechische Telekom OTE oder die Hafengesellschaft von Piräus rangieren weit unter ihren Hochs von 2008 und würden unter normalen Umständen daher wohl kaum zum Kauf angeboten.

Besonders schlimm ist die Lage naturgemäß bei den Banken, die im Zuge eines griechischen Zahlungsausfalls in die Bredouille geraten könnten. Die zum Verkauf stehende Hellenic Postbank notierte 2007 bei gut 21 Euro, nun sind es noch knapp 3. Sogar Glücksspielanbieter Opap hat kein Fortune mehr an den Märkten und befindet sich in einem stetigen Sinkflug.

Manche Investoren holten sich schon eine blutige Nase

Schnäppchen sind möglicherweise also drin. Aber angesichts der gegenwärtigen Unsicherheit vermag kaum jemand zu sagen, ob die Firmen nicht noch immer überbewertet sind.

“Vieles ist eher für einen risikoorientierten Finanzinvestor geeignet denn für einen strategisch denkenden Käufer”, sagt der Akquisitionsberater Christopher Kummer vom Schweizer Institute of Mergers, Acquisitions and Alliances. Unter diesen Umständen sei keinesfalls sicher, dass ein reger Bieterwettbewerb in Gang komme.

Der starke Einfluss von Gewerkschaften und Politik muss nach Kummers Ansicht das besondere Augenmerk potenzieller Investoren finden. “Interessenten müssen besonders auf ausstehende Verbindlichkeiten und Verpflichtungen der Firmen achten.” Das könnten Pensionslasten oder Mitspracherechte von Gewerkschaften sein. “Entscheidend ist auch, ob der Käufer umfassend restrukturieren kann.”

Hinzu kommt: Mit offenen Armen würden die Käufer von Staatsbetrieben in Griechenland nicht unbedingt empfangen. In der Vergangenheit mussten sich Investoren immer wieder mit streitbaren Belegschaften herumschlagen, die angestrebte Umbauten zu verhindern suchten. Als die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen 2008 bei der OTE einstieg, provozierte dies schnell einen Streik. Nun soll der Bonner Konzern nicht ganz so glücklich darüber sein, dass der griechische Staat ihm weitere Anteile an der OTE andienen kann.

Hoffen auf chinesische Investoren

Gerade Firmen wie die griechische Eisenbahn beschäftigen jedoch mehr Menschen als für die Leistung des Unternehmens im internationalen Vergleich notwendig wären. Dies macht es auf der anderen Seite so attraktiv für den Staat, sich der Unternehmen zu entledigen – es kommt Geld in die Kasse und mitunter sinken sogar die laufenden Ausgaben.

Für Investoren hängt bei einem Engagement viel von Faktoren, die zuletzt völlig offen waren. Wird das Land zahlungsunfähig? Bleibt der Euro? Erholt sich die Wirtschaft? Wie stabil ist die politische Lage?

Am Zug sind deshalb Zocker oder derart potente Investoren, die auch heftige Krisen aussitzen können. Chinas Reederei Cosco Börsen-Chart zeigen hatte bereits im vergangenen Jahr seine Fühler nach Teilen des Hafens in Piräus ausgestreckt und sich zudem als möglicher Interessent für die Eisenbahn ins Spiel gebracht. So könnten die Asiaten langfristig eine neue Logistikdrehscheibe für ganz Südosteuropa aufbauen.

“Im Bereich Seefahrt und Häfen liegen mittelfristig womöglich die größten wirtschaftlichen Vorteile Griechenlands”, sagt Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil. Für Fusionsberater Kummer kommen auch arabische Investoren für die Anlagen in Frage.

Versorger als sicherer Hafen?

Das Risiko eines Investments unterscheidet sich von Branche zu Branche. Trinkwasser, Strom und Gas werden immer nachgefragt – dank dieser Logik erfreuen sich gerade Versorger großer Beliebtheit bei langfristig denkenden Investoren.

Mit ähnlichen Argumenten ließen sich theoretisch auch gute Chancen für den Verkauf von Anteilen an den griechischen Glücksspielfirmen begründen. Allein – auch diese Branche will sich angesichts der unsicheren Lage nicht so recht aus der Deckung wagen. “Glücksspiel ist kein lebensnotwendiges Gut”, sagt der Vorstand des Deutschen Buchmacherverbandes, Norman Albers. Wenn die Konjunktur lahme, belaste das auch das Glücksspielgewerbe.

Trotz weit verbreiteter Spielsucht – der sinkende Aktienkurs von Opap scheint ihm Recht zu geben. Auch im Glücksspielgewerbe bedürfte es also eines Zockers, der auf Griechenlands Kaufangebote eingeht.

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